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Exaktheit in Zeichnung und Farbe noch bis ins neunzehnte Jahrhundert bewahren, haben überdies oft noch gar keinen eigentlichen Sammelwert, sind also billig und erfreuen ohne zu erdrücken. Das überhaupt sollte jeder Anfänger sich gesagt sein lassen: die wirkliche Sammlerlust besteht in ganz etwas anderem als im Raritätenehrgeiz. Das Zusammenleben mit den Schätzen erweckt an sich schon eine zart erotische Atmosphäre, zeitigt und erhält einen friedlichen polygamen Liebesgenuß nach dem Sinne des «Viele Frauen hast und Ruh im Hause» in Mohammeds Paradies. Das Wichtige ist eben nicht, daß ein Sammler mit seinen Stücken prahlt, sondern, daß er sich an ihnen ergötzt. Wirklich halten auch viele und oft die feinsten Sammler mit ihren Kleinoden zurück, weisen sie nur ungern vor, auch unter den Kennern nur besonders Erwählten von verwandter Aura, wie eifersüchtig, ein fremdes oder gar bös blickendes Auge möchte etwas von den innersten, nur ihnen erschlossenen und erlaubten Reizen eines Lieblings – denn ein bißchen platonisch-griechisch in jedem Verstand ist der Umgang mit Büchern – auffangen und absaugen. Doch wie jedes Geschenk des Eros will solche Gunst errungen sein, erkauft in einem höheren Sinne des Wortes. Wer, sei sein Beutel auch noch so prall und seine Absicht auch noch so ehrlich, beim renommiertesten Antiquar auf gut Glück einhandeln geht, dem wird, wie zuverlässig er auch bedient sei, doch nur «Ware» zuteil. Nie aber, und sei es das netteste Stückchen, ein für ihn selber vorhandenes, ihm selber gewissermaßen sich entschleierndes, ein zu ihm drängendes, ein lebendiges Buch. Freilich ist es auf diesem wie auf jedem Liebesgebiet auch nicht angezeigt, die Wünsche festzulegen. Dem «Wunder» in jeglicher Gestalt greife man nie vor durch ein Programm oder pedantischen Starrsinn. Man stehe fest, blicke sich aber um – und lasse sich verführen! Gibt es überhaupt noch etwas Schöneres im Leben? Etwas Schöneres als verlockt werden? Gottlob, daß es ihn gibt, ihn, den nichtig-süßen, den ewig bunten, den Schleier der Maja! Doch auch sie, die ewige Täuschung, hat ihre Scheinsgrade, ihre ureigne Wahrheit. Wählen und verschmähen muß können, wer ihr in Schönheit erliegen will. Seiner selbst sicher sein, der ihr erliege. Kenner sein, bevor er «erkennen» darf, auch im «Bibelsinn». Und so muß auch beim Sammler zu Sehnsucht und Begehr, ja zu angeborenem Feingefühl das Wissen treten, das seine Wollust forme und verfeinere, seine Sinne schärfe, sein Denken zugleich beschwinge und konzentriere. Denn was ist nicht alles zu besinnen, zu beachten beim alten Buch! Ich führe jetzt nur das Nächste an, das Unerläßlichste, die Grundregeln, die freilich nicht ausnahmslose Naturgesetze sind, sondern spielende Richtweise, die bei den höheren und höchsten Staffeln des Sammlerordens sich oft wie ins Gegenteil verkehren. Auf den untern Bänken aber sollte man sie katechismushaft befolgen, auswendig lernen und stets zu Rate ziehen. Erstes, ohne weiteres einleuchtendes Erfordernis ist die Vollständigkeit des Bandes oder, bei mehrbändigen Werken, der ganzen Publikation. Einzelne Bände zu kaufen, etwa in der Hoffnung, den oder die weiteren gelegentlich aufzufinden, hat im allgemeinen keinen Zweck, und ein derartiger Einzling bleibt fast immer in einer Art Krüppel-Stellung unter den Genossen. Dies gilt natürlich nicht für einzelne Jahrgänge periodischer Veröffentlichungen, für Zeitschriften oder gar für die einzelnen stets in sich gerundeten Almanachbändchen. Jede dieser Jahresrunden ist gewöhnlich ein fest geschlossenes Ganzes von selbständigem Wert, zumal wenn sie – und dann natürlich immer im Erstdruck – Beiträge bedeutender Autoren enthält. Ich selber habe nie gezögert, derartige Kalenderbände meiner Sammlung einzubeziehen und immer noch Freude daran gehabt, ob sie nun Ausgangspunkte für Brüder und Schwestern wurden, eine mehr oder weniger lückenlose Reihe mit ihnen anhob, oder oh sie für sich allein blieben. Verwaist kamen sie sich und mir nimmermehr vor. Im allgemeinen aber greift gerade der Anfänger zunächst am besten nach Einheitlichem. Und hierbei tauchen die brennenden Fragen nach Ausgabe, Erhaltung, Zustand auf: die drei Pfeiler bibliophiler Wissenschaft. Auf ihnen ruht das ganze Gebäude der Erkenntnis samt seinen luftigsten, wimpelbeflatterten Türmen, lauschigen Erkern, tänzerischen Altanen. Dem Novizen, gerade etwas läuten hat er hören, wird es zunächst um die sogenannten Erstausgaben zu tun sein. Zwar habe ich einmal schon in einem für höhere Grade bestimmten promemoria die Frage gestellt und – offen gelassen, ob es überhaupt wirklich Erstausgaben gäbe. Aber für die gerade zur Not der unteren Weihen teilhaftigen Proselyten ist sie eindeutig genug. Wir machen nicht einmal die schon zu spitzfindige Unterscheidung zwischen Erstdruck und Erstausgabe, sondern stellen fest: Erstausgabe ist die erste beim Originalverleger erschienene Einzelveröffentlichung des betreffenden Werkes, Sie zu besitzen ist ein begreifliches, wenn auch nicht überdelikates Sammlerglück, zumal wenn es sich um ein Hauptwerk der Dichtung oder ein geistes- oder auch weltgeschichtlich bedeutsames sonstiges Dokument handelt. Nur vergesse auch der Anfänger nicht, daß alle weiteren Auflagen, wenn irgendwie vorn Autor nochmals übergangen oder verändert, ebenfalls Erstlingscharakter und damit Erstlingswert besitzen. Vor allem bedenke er, daß die letzte dem Werke von seinem Schöpfer verliehene Gestalt, die «Ausgabe letzter Hand», als ausdrücklich so gewollte und ausgesetzte Editio definitiva an Gewicht der Erstausgabe mindestens gleichzustellen ist und damit auch an Sammelwert. Daß daneben auch spätere, nach dem Tode des Autors erschienene oder sogar Nachdrucksausgaben sammelwürdig sein können, hat mit dem Inhalt nichts mehr zu tun, sondern führt uns bereits auf das andre große Gebiet des Büchersammlerischen, die Ausstattung des Werkes, Gestalt und Form, darin es sich präsentiert. Hier nun gibt es ungeheuer viel zu wissen, weniges davon ohne gleichzeitiges sinnliches Anschauen zu übertragen. Ein paar Grundlinien müssen genügen. Ist das Buch gebunden, so hat in jedem Falle ein aus der Zeit des Erscheinens stammender Einband, selbst ein einfacher, den Vorzug vor einem später hinzugekommenen, sei dieser auch noch so geschmackvoll, hüte er sich auch vor dem Greuel der Stil-Imitation. Ein simpler Pappband umschließt, grau und unscheinbar wie er immer sei, die Ausgaben des siebzehnten oder achtzehnten Jahrhunderts heimlicher, zugehöriger, echter als die noch so prunkende Hülle aus übersatter, heutiger Biblioprotzenbücherei diesseits oder jenseits der Meere. Man vergesse nie, daß dies Regeln für Anfänger sind! Je schöner der Zeitband ist, je köstlicher das Material, je meisterlicher Binde- und Vergoldungsarbeit, um so höher steigt natürlich der Wert des Stückes. Hier aber tut die Erfahrung des einzelnen das Beste. Wie gesucht französische sammelwürdige Bücher in Maroquinbänden sind, besonders im roten, sowohl dem kurznarbigen, à courts grains, wie dem langriefigen, à longs grains, auch wenn sie nicht aus einer der hochberühmten Werkstätten stammen, ist wohl allgemein bekannt. Über die vielfachen Abarten der einfachen Kalb-Lederbände ist hier nicht zu handeln. Wohl aber weisen wir darauf hin, daß ein deutsches, zumal ein literarisches Werk aus der, mit dem späten siebzehnten Jahrhundert einsetzenden, wirtschaftlich armen Zeit bereits im gewöhnlichen Voll-Lederband in jedem Fall eine Seltenheit ist. Ebenso wie der deutsche Kalb-Lederband während des sechzehnten Jahrhunderts, wo, auf Holzdeckeln oder mit Papierfüllung das glatt polierte, gegen das Ende des Jahrhunderts bis ins siebzehnte hinein oftmals buntangefärbte oder das mit allerlei Renaissancezierat oft recht überladen bepreßte Schweinsleder fast die Alleinherrschaft hatte. Die nur für einzelne Epochen und Länder genau festgestellte Entwicklung des Einbands und speziell seiner Ausschmückung, die zum Beispiel für Deutschland nach den geistigen Provinzen verschieden und außerdem fast konfessionell getrennte Wege geht, dabei aber wenigstens seit 1700 den wechselndsten Moden von oft großer Bedeutung auch für die allgemeine Geschichte des Ornaments sich anbequemt, das kann nicht einmal angedeutet werden. Summa: man suche, nach eigenem Geschmack, sich das Buch im Einband seiner Zeit. Gleicherweise verhält es sich mit Farbe und Dekoration des Vorsatzpapiers, das, bei kostbareren Bänden, für die ja auch früh schon, besonders bei Damenbüchern, Sammet und Seide als Deckenbezug zur Verwendung kam, oft durch Atlas oder meist sehr schön gewässertes Moire ersetzt wird. Auch hier gilt der Satz: je kostbarer das Material, um so rarer – durchaus nicht immer auch schöner – das Stück. Goldschnitt, oft sogar noch mit Ornamenten in Guasche oder Lackfarben, übermalter oder mit dem Messer in Schnittmustern verzierter, sogenannter ziselierter, ist bei kostbaren Bänden seitdem sechzehnten Jahrhundert gebräuchlich. Die gewöhnliche bekannte Schnittfärbung, meist in Rot oder Grün, die ein gutgebundenes Buch erst wirklich vollendet -ich schätze sie weit hoher als den sogenannten Büttenrand, wenn die Breitrandigkeit des Exemplars dadurch nicht beeinträchtigt wird – ist seit Jahrhunderten die allgemein übliche und wohl auch entsprechendste Randbehandlung. Je frischer die Färbung, desto erfreulicher, also begehrenswerter, das Buch. Dieses selbst, das eigentlich «Korpus», wie die Buchbinder sagen, hat nun ganz für sich zu sprechen. Nicht jedes Buch soll oder will «vornehm» wirken. Flugschriften und Volksbüchern zum Beispiel, allem, was für Augenblick und Armut bestimme war und gerade in dieser Zweckerfüllung intim wirkt und liebenswert, steht Knapprandigkeit, nachlässiger Drude, abgenützte Type ebensowohl an wie dem perücken- und brokatstolz auftretenden beziehungsweise sich aufschlagenden Foliokupferwerk sein für Herren und Großhändler bestimmtes Feierkleid, der übermäßige Weißrand, der den Druckspiegel einrahmt, «Grand papier» genannt, und das schwere, möglichst schneeige, oft kartonstarke Material selbst, wenn nicht gar, vor allem im sechzehnten Jahrhundert, sporadisch aber durch die ganze Zeit hin, Pergament, die nach Farbe und Druckwirkung köstlichste Grundlage, Verwendung fand. Daß daneben, besonders seit dem achtzehnten Jahrhundert, der heute noch geübte Brauch bestand, auch einfachere, für weitere Leser- oder Empfängerkreise bestimmte Werke in einer Anzahl von Exemplaren auf besserem Papier, geglätteterem, schwererem, weißerem, seine Namen tun nichts zur Sache, für anspruchsvollere Käufer und Geldkatzen auf den Markt zu bringen oder solche als Widmungsexemplare herzustellen, sei im Vorbeigehen erwähnt. Bücher auf derlei Papier haben natürlich sowohl Schönheits- wie Seltenheitswert. Und nun, da die eigentlichen Lehrstunden zu beginnen hätten, die für den Mitteiler so lockende Feinarbeit anheben müßte, ruft es mir Halt zu. Schon treten diese Bemerkungen räumlich über alle Ufer, und zudem spüre ich, daß sich eigentlich nur an Hand und vor Augen des Beispiels, an Büchern selbst, das eigentliche Geheimnis weitergeben lasse. Leute wie ich sollten Kurse und Führungen, wirkliche Seminare für Bibliophilie veranstalten und gründen. Doch denke ich, geben die paar Winke und Grundlinien manchem schon Richtung und Halt, allen Empfänglichen aber, das hoff ich, ein Gefühl von Fülle und Reiz des Gegenstandes, dem in ihm ruhenden Reichtum von Belehrung und Belebung. Und so verzichte ich denn auch darauf, über das scheinbar einfachste, tatsächlich aber subtilste Thema mich genauer zu äußern: über die Frage, wie ein antiquarisches Buch erhalten sein müsse. «Gut natürlich», denken die ahnungslosen Laien, denen ich in diesem wie manch anderem Fall recht viele angesehene, ja berühmte Sammler und die meisten Antiquare zuzähle. Pardon. Die Erhaltung, der Zustand, in dem das Buch seinem neuen Besitzer zukommt – fast hätte ich gesagt, sich überreicht –, muß einigermaßen der Tatsache entsprechen, daß es ein Leben bereits hinter sich hat, ein geschichtliches Dokument ist und dabei ein Einzelfall mit schier persönlichem Schicksal. «Wie frisch aus der Presse gekommen« sollte außer für ganz große Bibliotheks- und Prachtwerke fast eine Wertminderung bedeuten. Ein Buch zeige sich je nach seiner Altersstufe wohl konserviert, schäme sich nicht des lächelnd-wehmütigen Anhauchs zarter Verwitterungsspuren, Gebrauchs- und Liebeszeichen: es kann darum doch noch firn sein und feurig, wie alter Edelwein, süß und begehrenswert wie eine liebliche femme fletrie, und sicher ist es dem echten Kenner in solchem Zustande werter, als wenn es etwa durch Chemikalien und ähnliche moderne Quälmittel und Pseudokosmetika in einen kurzfristigen Jugendflor rückgesteinacht wäre. Aber dies Thema ist viel zu weitläufig. Genug, genug. Ich hoffe, man wendet sich nun gern zum alten Buch – und lernt und liebet selbst. |