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Moriz Sondheim - Bibliophilie
Rede gehalten bei der Jahresversammlung der
Gesellschaft der Bibliophilen am 11. September 1932 zu Frankfurt am Main
BIBLIOPHILIE
ÜBER Bibliophilie in einer Gesellschaft von Bibliophilen zu sprechen
ist ein Unternehmen das überflüssig scheinen mag. Aber der Begriff
Bibliophilie wird so verschieden vorgestellt und aufgefaßt, was
männiglich darunter versteht ist oft so unklar, unbestimmt und verschwommen,
daß es geboten sein dürfte wieder einmal zu versuchen uns Klarheit
darüber zu verschaffen. Wollen wir das Wesen der Bibliophilie erfassen,
so müssen wir zunächst die Natur des Buches kennenlernen und
untersuchen wodurch und wie es auf uns wirkt. Wir müssen bei ihm
Inhalt und Form unterscheiden. Der Inhalt ist geistig. Dieser geistige
Inhalt ist es der es zum Buche prägt. Leere Papierbogen in Buchform
geheftet und eingebunden ergeben kein Buch, sie bleiben ein Vorrat weißer
Bogen, ein Album im wörtlichen Sinn. Das Gebilde wird erst zum Buche
wenn die Bogen Schriftzeichen aufnehmen. In diese Schriftzeichen ist Gedachtes
gebannt, das leblos und stumm in ihnen eingeschlossen bleibt, bis kundige
Augen auf die Zeilen fallen und ihren Inhalt einem Hirn zuführen,
wo er wieder lebendig wird. Das ist die Zauberkraft des Buches, daß
was irgendwo, irgendwann, von irgendwem gedacht worden ist, losgelöst
von Zeit und Raum immer und überall wieder erklingen kann. Das Buch
ist Hüter und Mittler des Denkens und Wissens. Sein Inhalt entspringt
reiner Geistestätigkeit und wirkt auf unseren Geist. Seine Form dagegen,
die Schriftzeichen, der Stoff auf dem sie geschrieben oder gedruckt sind,
zeichnerischer Schmuck und der Einband der das Ganze umhegt, diese Form
entsteht durch die Hand des Menschen. Auch sie entspringt einer Geistestätigkeit,
auch ihr liegen Ideen zugrunde, aber sie stellt diese Ideen in sinnlicher
Erscheinung dar und wirkt auf unsere Sinne. Sie macht das Buch zum Kunstwerk.
So hat das Buch eine Zweinatur wie der Mensch. Wie der Mensch besteht
es aus Geist und Körper und wirkt durch beide. In glücklichen
Fällen können, wie im Menschen so auch im Buche, Geist und Körper
eine harmonische Einheit bilden, so daß wir mit dem Buche geistige
Gemeinschaft und sinnliche Sympathie empfinden. Aber in den meisten Fällen
wird, wie im Menschen so auch im Buche, einer der beiden Bestandteile
den ändern an Wert, Schönheit, Anziehungskraft übertreffen.
Infolgedessen wirkt das Buch je nach der Qualität seiner beiden Teile
stärker auf den Intellekt oder auf die Sinne. Wie beim Menschen können
wir uns bei einem Buche an der schönen Gestalt erfreuen und den geringen
geistigen Gehalt in Kauf nehmen oder über dem anziehenden Geist die
gleichgültige Form vergessen.
Diese Zweinatur des Buches bleibt immer bestehen. Aber wie alles vom
Menschen Geschaffene sind sein Inhalt und seine Form den Wandlungen der
Kultur unterworfen. Denn das Buch ist stets das Produkt des geistigen
Zustandes und des künstlerischen Fühlens einer Epoche und es
macht den dauernden Wechsel aller unserer Lebensformen mit, den wir Mode
nennen. Jedes Volk, jedes Zeitalter, jede Generation hat eigene Bücher,
und da Generationen nicht nacheinander sondern nebeneinander leben, leben
auch nebeneinander Bücher von vorgestern, von gestern und von heute,
und vor uns tauchen die Bücher von morgen schon auf. Dies alles bedingt
die große Verschiedenheit der Wirkung die vom Buche ausgeht und
läßt sie in zahlreichen Modifikationen in Erscheinung treten.
Für diese Wirkung ist nicht jeder empfänglich. Menschen die
das Organ dafür haben, die auf Reizungen des Buches reagieren, die
die Fähigkeit besitzen durch das Buch Lustgefühle zu empfinden,
nennen wir Bibliophile. Und die Lust am Buche nennen wir Bibliophilie.
Bibliophilie ist Lust am Buche. Sie ist eine Mischung von intellektueller
und sinnlicher Lust, deren Dosierung ebensosehr vom Buche wie vom Bibliophilen
abhängt, ebensosehr von dem was das Buch ausstrahlt, wie von dem
was der Bibliophile hineinlegt. Denn die Art und die Stärke in welcher
Bibliophilie in Erscheinung tritt wird nicht bloß durch das Buch
bestimmt, sondern auch durch die Individualität, den Grad der Rezeptionsfähigkeit
und die Einstellung jedes einzelnen Bibliophilen, und hierdurch wird Bibliophilie
differenziert in viele Gattungen, Arten, Abstufungen, Stärkegrade,
Nuancen und wie wir diese zahlreichen Varietäten bezeichnen mögen.
Und wenn ich gesagt habe, jedes Volk, jedes Zeitalter, jede Generation
habe eigene Bücher, so kann ich hinzufügen, jedes Volk, jedes
Zeitalter, jede Generation, ja jedes Individuum hat eigene Bibliophilie.
Und darüber hinaus kann das einzelne Individuum im Laufe seines Lebens
Wandlungen durchmachen und Bibliophilie auf verschiedene Weisen nacheinander
empfinden und betätigen.
Die Veranlagung zur Bibliophilie ist angeboren. Sie zeigt sich schon
im Kinde. Wenn der zwölfjährige Lessing nicht mit einem Vogelbauer,
wie es der Maler vorschlug, sondern »mit einem großen großen
Haufen Bücher« gemalt werden wollte, so bekundete er damit
schon Bibliophilie, der er sein Leben lang gefrönt hat. Und welcher
Bibliophile besitzt nicht in einer Ecke seiner Bibliothek irgendein wertloses
altes Buch, das er als Schüler von seinem Taschengeld gekauft hat
und das ihn damals zum erstenmal das Glück des Bibliophilen hat empfinden
lassen? Bibliophilie tritt in verschiedenen Stärkegraden auf. Befriedigung,
Vergnügen, Freude, Entzücken, Wonne, Glückseligkeit, die
ganze Skala der Lustgefühle wird durch sie gewährt. Sie kann
ein angenehmer Zeitvertreib sein um leere Stunden auszufüllen, sie
kann Liebe sein, die beglückt und dem Leben tieferen Gehalt gibt,
sie kann Leidenschaft werden, die, wenn sie die Stimme der Vernunft überhört,
Unordnung, Unruhe und Leiden bringt und, wenn sie zügellos wird,
Existenzen vernichtet. Sie kann pathologisch werden und zur Bibliomanie
ausarten.
Wollen wir nun Bibliophilie als psychisches Phänomen erfassen, so
brauchen wir eine Klassifizierung der mannigfaltigen Arten von Bibliophilen.
Nur auf diese Weise können wir erfahren wie Bibliophilie sich auswirkt
und ihre Erscheinungsformen kennen lernen. Ein solches System aufzustellen
ist meines Wissens noch nicht versucht worden und dieser Unterlassung
mag es hauptsächlich zuzuschreiben sein daß so viele Irrtümer
und Mißverständnisse mit dem Begriff Bibliophilie verknüpft
sind. Ich teile die Bibliophilen in drei Hauptgruppen ein: in aktive oder
Bücherschaffende, in rezeptive oder Büchersammler und in Bücherkenner.
Zu den aktiven Bibliophilen rechne ich alle diejenigen die aus Lust am
Buche sich nach außen hin künstlerisch betätigen, Bücher
herstellen oder sich an ihrer Herstellung schöpferisch beteiligen.
Die rezeptiven sind Bibliophile die Eindrücke von außen empfangen
und sich als Sammler betätigen. Zwischen diesen beiden Gruppen steht
die Gruppe der Bücherkenner. Sie empfangen Eindrücke von außen
und sind rezeptiv, aber sie sammeln nicht, und sie können aktiv sein,
aber nicht schöpferisch. Ich muß dazu bemerken daß diese
Gruppen in Reinkultur nicht existieren. Im Leben wird zum Beispiel ein
Sammler auch Kenner werden, oder der aktive Bibliophile kann als Sammler
auftreten, aber immer wird eine dieser drei Eigenschaften, Aktivität,
Kennerschaft, Rezeptivität die Dominante sein, und nach dieser Dominante
weise ich die Bibliophilen einer dieser Gruppen zu.
Ich betrachte zunächst die Gruppe der rezeptiven Bibliophilen oder
der Sammler. Sie ist die größte, die psychologisch interessanteste
und populärste. Die Büchersammler werden am leichtesten als
Bibliophile erkannt, das Ergebnis ihrer Betätigung, eine Bücherwand,
ist am augenfälligsten, und die Begriffe Bibliophile und Büchersammler
werden daher oft fälschlich für identisch gehalten.
Den Sammler beglückt seine Bücherwand. Sie wirkt auf ihn beruhigend,
befreiend, vom Leide des Lebens erlösend wie sanfte Hügellinien
am Horizont. Jean Paul spricht einmal von dem beglückenden Gefühl
das eine Bücherwand erweckt. »Zuhause«, sagt er, »letzt
ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der Bücherwand.«
Und Montaigne hat vor 350 Jahren erzählt: »Bücher benütze
ich eigentlich kaum mehr als jemand der überhaupt keine kennt. Ich
erfreue mich an ihnen wie die Geizhälse an Schätzen. Es ist
nicht zu sagen wie sehr ich Ruhe und Rast empfinde im Bewußtsein
daß sie da sind um mir Vergnügen zu machen wann es mir paßt.
Meine Seele ist zufrieden und begnügt sich mit der Tatsache des Besitzes.«
Was Montaigne hier schildert ist die Freude des Sammlers. Denn der Sammler
hat Bücher nicht um sie zu literarischen Arbeiten zu benutzen, nicht
um sich Wissen anzueignen, nicht einmal um sie zu lesen, sondern um sie
zu besitzen. Ihn beglückt der Besitz, nicht der Gebrauch. Je jungfräulicher
ein Exemplar ist, desto größeren Wert legt er ihm bei und tastet
seine Reinheit nicht an. Wenn er das Glück hat ein wertvolles Buch
unaufgeschnitten in seinem Originalumschlag zu finden, wird er sich hüten
es aufzuschneiden oder binden zu lassen; er schließt es in ein Kästchen
oder ein Futteral ein. Das überzeugendste Beispiel der Freude an
dem Besitze eines Buches von vollkommener Unberührtheit bot die Bibliothek
des Bibliophilen Hilaire Grésy, die 1869 in Parisversteigert wurde;
sie enthielt zwei Exemplare der Contes von La Fontaine in der Ausgabe
der fermiers généraux, von denen das eine im Katalog besonders
gepriesen wurde, weil es nie geöffnet worden war: ces deux tomes,
reliés par Derome, n'ont jamais été ouverts. Petrarca,
der erste moderne Bibliophile, schätzte unter seinen Büchern
am meisten einen Homer, den er nicht lesen konnte, da er nicht genügend
Griechisch verstand.
So ist der Büchersammler beglückt durch die Tatsache des Besitzes
und seine Seele ist ruhig, aber nur bis die Vorstellung eines ihm fehlenden
Buches auftaucht und zur Begierde nach dem Besitze wird. Diese Beunruhigung
wiederholt sich immer wieder, denn das Ziel des Sammlers, Vollständigkeit,
wird niemals erreicht.
Das Büchersammeln entspringt dem Triebe der alles Sammeln veranlaßt,
dem instinktiven Drang, der Tiere und Menschen zwingt das zur Erhaltung
des Lebens Notwendige aufzusuchen, zu ergreifen und festzuhalten. Diesem
Drang entspringt das Bestreben Vorräte des Notwendigen anzuhäufen,
zu hamstern, zu sammeln. Wenn der Zwang der Not wegfällt, wird dieser
Sammeltrieb zum Sport; es werden dann Dinge gesammelt nicht um sie zu
gebrauchen, sondern nur um zu sammeln. Und je kostbarer und seltener die
Stücke sind, desto größer ist die Freude am Besitz. Starken
Einfluß auf das Sammeln hat der Nachahmungstrieb, den oft Ehrgeiz
oder Eitelkeit in Bewegung setzt; der Wunsch andere zu übertreffen,
von ihnen bewundert und beneidet zu werden ist dabei ein mächtiger
Ansporn. Wie herrlich ist es ein Unikum zu besitzen! Der gleichen Quelle
entspringt die Freude am Zeigen, Vorführen und Detaillieren der Sammlung.
Vor einigen Monaten stand in einer englischen Zeitschrift ein Interview
mit einem Schwiegersohn des verstorbenen Feldmarschalls Kitchener, der
Etiketten von Zündholzschachteln sammelt. Er erzählte, er habe
als Schüler angefangen Briefmarken zu sammeln, als er aber sah daß
er einen Kameraden der einen großen Vorsprung hatte niemals erreichen,
geschweige denn überflügeln könne, habe er ein anderes
Sammelobjekt gesucht und sei durch Zufall auf Zündholzschachteln
verfallen. Er besitzt jetzt deren Zwölftausend, mehr als der Exkönig
von Spanien, der diese Dinger auch sammelt. Es sollen fabelhaft seltene
Frühdrucke und aufregende Varianten darunter sein. Niemand auf der
ganzen Welt besitzt so viele und so seltene Zündholzschachteletiketten
wie er. Und er ist glücklich.
Dies ist ein typischer Fall zur Illustration der Mentalität des
Sammlers. Er zeigt daß beim Sammeln die Freude am Aneinanderreihen
gleichartiger Objekte das Primäre, das Objekt das Sekundäre
ist. Der Mann der Zündholzschachteletiketten serienweise aufklebt
wird von demselben Triebe beseelt und empfindet ähnlich wie der Bibliophile
der sechshundert Horaz-Ausgaben oder sämtliche Drucke einer Presse
oder Goethe-Erstdrucke aneinanderreiht. Aber der Umstand daß Zündholzschachteln
Materie sind, während in Büchern die Materie nie ohne Geist
ist, führt zu einer wesentlichen Differenzierung der ausgelösten
Lustgefühle. Zum Genuß des Sammelns gesellen sich bei Büchern
der ästhetische und der intellektuelle Genuß. Wenn wir die
Reihe der Sammelobjekte durchgehen, ich nenne als Beispiele nur einige
wenige, etwa besagte Zündholzschachteln, Knöpfe, Briefmarken,
Porzellan, Münzen, Graphik, Autographen, Bücher, so werden die
Lustgefühle um so stärker sein, je stärker der ästhetische
und der intellektuelle Einschlag sind. Von allen Sammelobjekten ist aber
das Buch das durchgeistigtste und am geeignetsten zu beglücken, mehr
als Autographen die nur intellektuellen, mehr als Kunstwerke die nur sinnlichen
Genuß bereiten, während das Buch dank seiner Doppelnatur Genüsse
beider Arten vereinigt gewähren kann.
Auch dem angeborenen Jagdtrieb unterliegt der Büchersammler. Er jagt
in Katalogen und Antiquariatslagern, und die Engländer, die ebensosehr
Jäger wie Bibliophile sind, nennen einen Büchersammler a bookhunter.
Der Kampftrieb, der ebenfalls im Büchersammler schlummert, erwacht
bei Versteigerungen. Er verführt auch den vorsichtigsten Sammler
die sorgfältig erwogene und festgesetzte Summe zu überschreiten,
in der Hitze des Gefechts, um den Gegner zu besiegen, ihm die Beute zu
entreißen.
Anderer Art sind die Freuden die dem Büchersammler der Tastsinn bereitet.
Wir haben dafür nur den Ausdruck »ein Buch handhaben«,
der zu plump ist und diesem feinen Gefühl nicht entspricht. Die Franzosen
haben das zierliche Wort »manier«; es drückt den subtilen
Genuß besser aus den unsere Hand vermittelt, wenn wir einen kostbaren
Einband behutsam halten und nach allen Seiten drehen, oder wenn wir die
Blätter eines schönen Druckes vorsichtig umwenden. Einer der
psychologisch merkwürdigsten Züge des Büchersammlers ist
seine Lust am Katalog seiner Bibliothek. Der Katalog kann ihm intensivere
Freude bereiten als die Bücher selbst und das Interesse an ihnen
verdrängen. Dies ist so zu erklären. Der Bibliophile liest einen
Katalog wie der Musiker einen Klavierauszug. Für den Nichteingeweihten
sind es trockene Büchertitel, der Bibliophile sieht die Bücher
selbst vorüberziehen. Sein Katalog hebt das Wesentliche, Bedeutende,
Wertvolle hervor, er schafft Vorstellungsverbindungen die die Phantasie
angenehm beschäftigen, er gibt die Idee des Exemplars und, als Ganzes,
die Idee der Bibliothek. So kann seine Lektüre einen vollkommeneren
Genuß bereiten als das Anschauen der Bücher mit seinen störenden
Zufälligkeiten.
Was ich bis jetzt vom Büchersammeln gesagt habe betrifft Grund
und Wirkung des Sammelns und bezieht sich auf alle Kategorien der Büchersammler.
Welche Bücher die Sammler sammeln hängt von ihrer Einstellung
ab und trennt sie in verschiedene Klassen. Da sind zunächst Büchersammler
die ich Ästheten nenne. Die sinnliche Lust am Buche ist bei ihnen
die Dominante. Die formale Schönheit ist für sie ausschlaggebend.
Sie lieben Vorzugsdrucke auf besonderem Papier oder auf Pergament. Sie
empfinden das Buch als Kunstwerk oder als Bibelot. Manche von ihnen sammeln
Bücher wegen ihres inneren Schmuckes, illuminierte Handschriften
oder alte Holzschnitt- und Kupferwerke oder moderne Drucke mit Lithographien
und Radierungen. Sie sind Biblio-Ikonophile. Andere lieben das Buch wegen
seines äußeren Schmuckes und ihre Bibliothek ist eine Einbändesammlung.
Die zweite Klasse der Sammler nenne ich Intellektuelle. Diese Bezeichnung
befriedigt mich nicht, besonders da sie nach dem allgemeinen Sprachgebrauch
jedem Bibliophilen zukommt, aber ich finde vorläufig keine bessere.
Ich verstehe darunter Sammler die von dem Inhalt der Bücher angezogen
werden und zwar auf vielerlei Weisen. Manche genießen ihn nicht
in irgendeinem gleichgültigen Druck, sondern in bestimmten Ausgaben,
so wie Weinkenner edle Weine nur aus bestimmten Gläsern trinken.
Bücher welche Denkmale oder Marksteine der Geistesgeschichte sind
besitzen sie in den Urausgaben, welche die Gedanken der Autoren in ihrer
ursprünglichen Fassung und ihrem ursprünglichen Gewand überliefern.
Wenn sie Montaigne in den bei seinen Lebzeiten gedruckten Ausgaben lesen,
werden sie in die Atmosphäre seines Arbeitszimmers versetzt, sie
treten zu ihm in ein persönliches Verhältnis, das moderne Drucke
nicht vermitteln. Oder wenn sie den Werther in der ersten Ausgabe lesen,
empfinden sie ihn wie ihn die Zeitgenossen erlebt haben; nehmen sie ihn
in der französischen Übersetzung mit den Radierungen Johannots
zur Hand, so erleben sie ihn als Teil der französischen Romantik;
und im Druck der Doves Press ist er ihnen ein Stern am Himmel der Weltliteratur.
Sie nehmen den Inhalt ihrer Bücher mit mehr Organen in sich auf,
sie genießen dem entsprechend intensiver und vollkommener als andere
Leser, welche Literaturdenkmäler in Neudrucken oder gar in gelehrten
Ausgaben mit Zeilenzählung lesen. Andere lernen Literaturgeschichte,
sie erleben sie. Ist der Intellektuelle literarisch eingestellt, so baut
er an der Wand eine Literaturgeschichte aus Büchern. Ist er historisch
orientiert, so bringt er die Bausteine zur Geschichte eines Zeitalters,
eines Landes, oder einer Stadt zusammen. Oder er sammelt alles von und
über Persönlichkeiten die ihn interessieren oder die er liebt.
Viele, deren Hauptliebhabereien auf ganz anderen Gebieten liegen, kommen
durch diese zur Bibliophilie. Der leidenschaftliche Jäger welcher
Jagdbücher, der Pferdeliebhaber der Pferdebücher sammelt, der
Musikfreund der eine Musikbibliothek ausbaut, der Blumenzüchter der
die alten botanischen Werke liebt, Ärzte und Anatome welche alte
Medizin- und Anatomiebücher suchen, die Spitzenliebhaberin die Modelbücher
der Renaissance besitzt, und wie die zahlreichen Spezialisten alle heißen,
sie alle zieht der Inhalt des Buches an.
Eine dritte Klasse von Sammlern nenne ich Individualisten. Sie interessiert
Herkunft und Schicksal des Buches. Sie sammeln Exemplare die ihr Erlebtes
haben, die sich von der uniformen Masse der Auflage individuell abheben,
die von vornherein der Verfasser durch eine handschriftliche Widmung ausgezeichnet
hat, oder die im Laufe der Zeit individuelle Prägung durch Vorbesitzer
erhalten haben, deren Wappen, Bücherzeichen, Namenszug oder Randbemerkungen
sie enthalten. In solchen Büchern sind Parzellen des Geistes der
Persönlichkeiten aufbewahrt die sie verschenkt, besessen, gelesen,
geliebt haben, deren Blick auf ihnen geruht, deren Hand sie berührt
hat. Es haftet an ihnen etwas von dem Fluidum ihrer Augen und ihrer Fingerspitzen.
Nur bedingt gehören hierher die Spekulanten. Ihr Sammeln ist Kapitalanlage.
Sie sind oft gute Kenner. Die begabten unter ihnen besitzen den Spürsinn
der dauernde Werte von ephemeren Modelieblingen unterscheidet. Sie wissen
daß echte Bibliophilenbücher seit hundert Jahren im Preise
steigen, daß sie in Krisenzeiten wie alle ändern Werte sinken,
daß sie sich aber immer wieder erholen, ihren vorigen Höchststand
erreichen und ihn im Laufe der Zeit übersteigen'. Denn das Bibliophilenbuch
nimmt auch volkswirtschaftlich eine Sonderstellung unter den Gütern
dieser Welt ein. Zwar ist auch bei ihm der Wert abhängig von den
Bedürfnissen, Neigungen und der wirtschaftlichen Lage der Käufer,
auch bei ihm bestimmt die Nachfrage den Preis, aber diese Nachfrage wird
nicht durch den Lebensbedarf, auch nicht durch den von der Mode vorgeschriebenen
und in seinen Auswirkungen stets wechselnden Luxus veranlaßt, sondern
durch subjektive ideelle Motive. Der Wert eines Bibliophilenbuches ist
reiner Affektionswert, Gefühlswert, er besteht und bleibt solange
die Gefühle die ihn bestimmen lebendig sind. Und Spekulanten wissen
daß niemals ein Geschlecht kommen wird das den Zauber des Buches
nicht mehr empfindet, obgleich sie selbst vielleicht ihn nicht empfinden.
Eine Abart der Spekulanten sind jene Mischlinge welche die Franzosen marchands-amateurs
nennen. Sie sammeln Bücher nicht als Kapitalanlage aber als Handelsobjekte,
um sie mit Gewinn zu tauschen oder zu verkaufen.
Von diesen verschiedenen Sammlertypen gilt auch was ich von den drei
großen Bibliophilengruppen gesagt habe; im Leben werden wir sie
in Reinkultur nicht oft antreffen. Die Eigenschaft unter der ich sie einordne
ist ihre hervorstechendste, sie können daneben auch andere besitzen.
Ein Ästhete kann in schwächeren oder stärkerem Grade auch
Intellektueller sein, ein Intellektueller kann ästhetisch empfinden
und wird oft Individualist sein, und sogar ein paar Tröpflein Spekulantenblutes
können in seinen Adern rollen.
Die zweite große Gruppe der Bibliophilen nenne ich Kenner. Nicht
alle Bücherkenner gehören dazu, nur die durch Liebe wissenden.
Denn auch hier gilt das Wort Goethes: »man lernt nichts kennen,
als was man liebt, und je tiefer die Kenntnis werden soll, desto stärker
muß Liebe, ja Leidenschaft sein.«Wir finden diese Kenner hauptsächlich
in den Berufen die aus Lust am Buche ergriffen werden, unter den Antiquaren
und Bibliothekaren. Viele von ihnen verbringen ihr Leben in einer Bücheratmosphäre,
in der die Begierde nach persönlichem Besitz zurücktritt oder
verkümmert. Ihr Wissen ist ihr zugeteiltes Glück. Die Bücher
erschließen sich ihnen wie dem Montan die Gebirgswelt, sie sind
ihnen lebendig, während sie für andere Kenner tote bibliographische
Objekte sind. Ihre Bibliophilie befähigt sie Bücher in technischer,
ästhetischer, literarischer oder historischer Hinsicht zu erleben.
Sie sind Paläographen, Typenforscher, Einbändekenner; sie sind
Spezialisten für Buchmalerei, Holzschnitt, Kupferstich oder Lithographie.
Sie kennen die Geschichte, den Seltenheitsgrad und den Wert der Bücher.
Sie schreiben Bibliographien, deren Kompilation ihnen Lustgefühle
bereitet. Sie sind die Führer, die Berater der Sammler, sie erforschen
ihre Jagdgebiete und verzeichnen was erlegt werden kann und woran gutes
Wild zu erkennen ist. Sie finden die Merkmale durch die verschiedene Drucke
eines Buches sich unterscheiden, und belehren uns daß die Ausgabe
mit dem Druckfehler post est die gute ist, und warum wir den Druck mit
der Wiederholung auf Seite 145 meiden sollen. Von außen betrachtet
scheint ihr Wirken mühsam und undankbar, aber es beglückt sie;
es trägt seinen Lohn in sich wie die Tugend und führt zum ewigen
Leben. Denn Bibliotheken vergehen, Kataloge bestehen. Büchersammlungen
zerflattern früher oder später in alle Winde, wenn sie nicht
in die Bestände einer öffentlichen Bibliothek geraten, wo sie
meistens in ihre Atome aufgelöst werden und auch in einem großen
All untergehen. Kataloge aber sind unvergänglich und Bibliographen
unsterblich. Andere Bücher haben Titel bei denen sie genannt werden,
die Werke großer Bibliographen führen keine Titel, sie tragen
Namen wie Menschen, die Namen ihrer Verfasser, sie heißen Brunet,
Hain, Cohen, Friedrich Meyer, und es ist ein freundlicher Gedanke daß
Männer denen Bücher Lebendiges sind, nach ihrem Tode selber
als Bücher weiter leben.
Zu der dritten großen Gruppe, den aktiven Bibliophilen, gehören
alle diejenigen welche aus Lust am Buche bei seiner Herstellung als Künstler
tätig sind: Typenzeichner, Stempelschneider, Drucker, Illustratoren,
Buchbinder, Autoren die ihre Schriften nach ihrem persönlichen Geschmack
ausstatten. Ihre Bibliophilie ist nicht beschauliches Genießen,
sondern schöpferische Tätigkeit.
Diese lange Aufzählung, die weit davon entfernt ist vollständig
zu sein, zeigt aus wie verschiedenartigen Elementen die Gemeinde der Bibliophilen
sich zusammensetzt und wie vielgestaltig Bibliophilie in Erscheinung tritt.
Wir können uns Bibliophilie als ein imaginäres Reich vorstellen,
in Provinzen gegliedert, bewohnt von untereinander wesensfremden Nationen.
Dieses Reich liegt mitten unter ändern viel größeren Reichen,
der Literatur, den Künsten, den Wissenschaften. Alle die von diesen
Reichen auf verschiedenen Straßen herkommen und in Bibliophilie
landen, bringen Eigenarten ihrer Ursprungsländer mit. Es ist vergeblich
nach reiner Bibliophilie, nach Bibliophilie an sich zu suchen, sie ist
immer mit anderen Elementen vermischt. Hieraus ergibt sich eine Moral.
Diese Moral lautet: jeder Bibliophile hat seine eigene Bibliophilie, die
ihn beglückt, und er soll sie haben und lieben und pflegen. Aber
er soll nicht glauben daß sie die allein wahre, die allein existenzberechtigte,
die allein seligmachende Bibliophilie ist; er soll die Bibliophilie der
ändern nicht für ärmer, geringer oder gar für falsch
halten, sondern sie gelten lassen. Goethe hat einmal gesagt: »was
der Künstler nicht liebt, kann er nicht schildern. Ihr findet Rubens'
Weiber zu fleischig? Ich sage euch, es waren seine Weiber.« So können
Bibliophile nur schaffen, kennen und sammeln was sie lieben, und jeder
soll von den Büchern des ändern denken: es sind seine Bücher,
und wären sie ihm so unsympathisch wie Rubenssche Frauengestalten.
Stärker aber als die Unterschiede die uns Bibliophilen trennen, ist
das Gemeinsame das uns verbindet. Bibliophilie, so persönlich und
individuell sie ist, eint trotz aller Diskrepanz die Bücherfreunde
des ganzen Erdballs zu einer Gemeinde. Sie ist eine Freimaurerei, deren
Brüder sich durch Zeichen und Symbole verstehen, wenn sie verschiedene
Sprachen sprechen. Auch Bibliophilie führt den Wahlspruch: überall
und immer. In Zeiten seelischer Depression kann sie hinsiechen, aber sie
kann in solchen Zeiten auch erstarken und Trostbringerin sein den gepeinigten
Menschen und sie das Leben vergessen machen. In Zeiten wirtschaftlicher
Not wird sie in ihren Auswirkungen geschwächt, aber sie geht nicht
unter. Auch Bücherliebe höret nimmer auf, und solange das Bedürfnis
nach Geist und Schönheit in Menschen lebt, wird Bibliophilie ihre
Macht behaupten.
MORIZ SONDHEIM: BIBLIOPHILIE
erschien im März 1933 im Verlag der Rot- & Schwarz- Drucke, Bremen
- Berlin. Satz und Druck besorgte die Gustav Petermann Druckerei-Ges.
m. b. H., Hamburg, in der Elzevir-Antiqua und -Kursiv der Genzsch &
Heyse Schriftgießerei Aktien-Gesellschaft, Hamburg.
Druckanordnung; Siegfried Buchenau

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