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Wilhelm Junk –
Wege und Ziele bibliophiler Vereinigungen (1928)
Aus einem Vortrag, gehalten am 6. November 1928 vor
dem Berliner Bibliophilen-Abend
gedruckt in: Imprimatur
NF VI (1969), S.14-25

Wilhelm Junk |
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Uns ist die Bibliophilie in ihrer modernen Form
vor so etwa 40 Jahren von England überliefert worden, wo es
wohl ein einzelner gewesen war, der große Morris, der die
Grundlage geschaffen hatte. In Deutschland aber waren es, wenigstens
zu Anfang und für lange Zeit, nicht einzelne, sondern der Zusammenschluß
Gleichgesinnter, welcher die große Wirkung erzielte. Wenngleich
natürlich damit nicht gesagt werden kann, daß es nicht
die führenden Geister innerhalb dieser Vereine gewesen waren,
die den Ausschlag gaben. Das ist wohl immer so, und nicht nur in
der Bibliophilie. Wie aus dem traurigen Stande der Bücherfabrikation,
wie er noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in
Deutschland herrschte, wie also aus einem uns heute unbegreiflichen
geschmacklichen Tiefstande– zeitlich undinnerlich mit dem
des damaligen Kunstgewerbes gleichlaufend, |
mit seinen Makart-Bouquets, Zinkguß-Kronen, Garten-Zwergen, Terra-Cotta-Rittern
– wie aus diesem Boden das schöne Buch dieses Jahrhunderts emporwuchs,
von dem wir uns gar nicht vorstellen können, daß es späteren
Generationen mißfallen könnte – das ist ja schon häufig
genug geschildert worden. In vollstem Maße haben in Deutschland die
bibliophilen Vereine – in allererster Linie die Weimarer Gründung
– ihre Aufgabe erfüllt.
Und mit großer Schnelligkeit haben sie die Verlegerwelt beeinflußt,
so daß es schwer zu sagen wäre, wem wir heute mehr entzückende
Bücher verdanken, den Vereinen oder der Privattätigkeit einer
Zahl von Verlegern. (Ich muß es mir hier im allgemeinen versagen,
Namen zu nennen.) Und kein Buchhändler könnte es heute wagen,
ein Werk, das an halbwegs verwöhnten Geschmack appelliert, herauszugeben,
wenn es in seinem Äußern an die Bücher erinnern würde,
die auf den Salontischen unserer Eltern gelegen haben. Denn wenn er es täte,
so würde er bald verspüren, daß die bibliophilen Vereine
sich noch ein weiteres Verdienst erworben haben, jenes nämlich, das
darin besteht, daß sie auch das Publikum erzogen haben. Und dieses
Besitztum an geläutertem Geschmack scheint mir so gesichert, daß,
wenn jetzt alle bibliophilen Vereine sich auflösen würden, die
Produktion des deutschen Verlages, welcher an deren Stelle treten würde,
nicht Gefahr laufen würde, sich äußerlich zu verschlechtern.
Vielleicht, so könnte man einwenden, wären die Vereine aber
trotzdem notwendig, falls nämlich in Zukunft der Geschmack in der
Bücherausstattung – etwa parallel laufend mit einer neu auftauchenden
Kunstrichtung – sich stark ändern würde. Mir erscheint
es aber nicht denkbar, daß sich in dieser Beziehung eine grundlegende
Veränderung anbahnen könnte, zumal ja das Buch selbst durch
seine Eigenart in künstlerischer Beziehung starrer ist als ein reines
Kunstwerk und also in seinem Äußern Schwankungen des künstlerischen
Geschmacks nicht so leicht nachgeben kann. Aber selbst wenn eine Abwendung
von den jetzigen Auffassungen eintreten würde, so ist der deutsche
Verlag schöner Literatur heute schon so erzogen und gebildet, daß
er von selbst und ohne Führer den Weg zu der neuen Kunstrichtung
finden würde.
Haben bibliophile Gesellschaften noch eine Zukunft?
Aus allem diesem hier kurz Skizzierten geht hervor,
daß die bibliophilen Vereine durch ihr Wirken ihre Aufgabe erfüllt
haben, daß sie sich eine ebenbürtige Konkurrenz in den Privatverlagen
geschaffen haben und daß sie (was uns hier das Wesentliche ist)
vielleicht überflüssig geworden sein könnten in bezug auf
weitere Ausgaben schöner Bücher. Ihr Bücher erzeugendes
Wirken müßte also vielleicht heute nur darin bestehen –
so könnte man weiter folgern –, daß sie an Publikationen
herangehen, die zu übernehmen der Verlag nicht den Mut hat. Dieses
Gebiet aber ist außerordentlich klein...
Was kann unter diesen Umständen für das Publikationsbedürfnis
der Vereine wirklich übrigbleiben? Wie klein wäre dieses Betätigungsfeld!
Hierzu kommt noch die Tatsache, daß doch schon Jahrzehnte des Wirkens
der Vereine und der gleichgerichteten Verleger hinter uns liegen und daß
auf diese Weise wohl alle bedeutenderen Bücher – wenigstens
die der schönen Literatur – die einer bibliophilen Auferstehung
würdig waren, eine solche feiern konnten und häufig genug sogar
in mehrfacher Form.
Sollen also die bibliophilen Vereine abdanken, sich auflösen, sterben
gleich jenen Tierchen, die sich, nachdem sie ihre Aufgabe des Eierlegens
erfüllt haben, zu ihren Vätern versammeln? Oder aber können
sie sich anderen Aufgaben zuwenden? In einer sehr beherzigenswerten Rede,
die Professor Wieynck vor kurzem in Dresden anläßlich der Jahresversammlung
der dortigen Vereinigung der Bücherfreunde hielt, betonte er, daß
sich die Vereine jetzt der Publikation moderner, lebender Dichter und
Graphiker zuwenden sollten. Aber auch das halte ich für einen frommen
Wunsch. Er selbst sagt mit vollem Recht, daß wir zur modernen literarischen
Produktion noch nicht genügend Abstand haben, daß das Charakterbild
zeitgenössischer Literaten noch zu sehr im Urteil schwankt. Gerade
in bezug auf die Schriftsteller, die mit uns leben, variiert begreiflicherweise
die Beurteilung außerordentlich, und dies um so mehr, je mehr sich
der Dichter einer der ›Ismen‹ verschrieben hat, die schon
heute nicht jedermanns Geschmack sind und von denen niemand weiß,
ob sie bleibenden literarischen Wert haben oder Eintagsfliegen sind. Werden
also alle heute geschätzten Modernen in unserer weit mehr schnellebigen
Zeit noch nach zehn Jahren eine prächtige Ausstattung verdienen,
die ihnen vielleicht heute ein bibliophiler Verein widmete? Was ist uns
– um zu vergleichen – jetzt z. B. Spielhagen, Julius Wolff
oder die Marlitt, die das Entzücken unserer Eltern oder unserer Jugend
– so man heute ein alter Mann ist – waren? Und wiederum muß
ich betonen, daß die heutigen Verleger rührig genug sind, um
alles Bedeutende aufzugreifen, und daß ich nicht recht an die Mär
Unzufriedener glauben möchte, daß ein großes Talent auf
literarischem oder künstlerischem Gebiete in unseren Tagen verkümmern
kann und also tatsächlich der Hilfe uneigennütziger Vereine
bedürfte. Jedenfalls aber – auch wenn ich mit obigem unrecht
habe – das Publikationsgebiet wäre, wie gesagt, nur ein recht
kleines und im Verhältnis zu der großen und immer noch wachsenden
Zahl bibliophiler Vereine jedenfalls ein zu kleines.
Überflüssige Publikationen
Als ein Beleg für das Gesagte mag – und damit komme ich zu
einer Hauptsache – die Auswahl der Publikationen unserer großen
Vereine, die im Laufe der letzten Jahre erschienen sind, dienen. Ein italienisches
Werk über Theatermaschinen und ein zweibändiges Werk über
Grimmelshausen, beide, nebenbei bemerkt, in einer Aufmachung, die in keiner
Weise über den Durchschnitt hinausgeht, und die jedenfalls keinen
Ersatz bietet für das Befremdliche des Inhalts, mögen zitiert
werden. Ich wage die Behauptung, daß es noch nicht ein Viertelhundert
Menschen in Deutschland gibt, die ein Interesse für das erstgenannte
Buch besitzen oder es gar gelesen haben; und die ›Quellen und Forschungen
über Grimmelshausen‹ sind nichts als eine sehr fleißige
historische und biographische Kompilation, die besonders in ihrer Ausführlichkeit
einen Zusammenhang mit der Bibliophilie vermissen läßt. Der
andere große Verein, die Maximilian-Gesellschaft, hat ja nun in
der Tat im vorigen Jahre eines der entzückendsten Bücher herausgegeben,
das je in Deutschland erschienen ist, die ›Effi Briest‹, eine
Publikation, für die ihr jedes Mitglied dankbar sein muß. (Über
ein nur grundsätzliches Bedenken gegen die Vergesellschaftung von
Bild und Text habe ich noch zu sprechen.) Waren aber die vier Bände
der Goetheschen Gedichte, so schön sie äußerlich sind,
nicht eine Überflüssigkeit? Wie viele der Mitglieder würden
– so könnten wir die entscheidende Frage formulieren –
diese Bände, noch dazu zu ihrem enormen Preis, gekauft haben, wenn
sie im regulären Handel erschienen wären? Wo ist der deutsche
Bibliophile, der nicht schon ein oder mehrere würdige Ausgaben Goethes
besitzt? Vor einem halben Jahrhundert hat ein berühmter Forscher
ein recht böses und stark bekämpftes Wort geprägt: »Goethe
und kein Ende.« Seit die Bibliophilie bei uns groß geworden
ist, gewinnt dieses Wort, wenn auch nur im äußeren Sinne angewandt,
erneute Bedeutung. (So sehr ja andererseits und mit Recht unsere Weltanschauung
und zum Teil auch die Wissenschaft ein ›Zurück zu Goethe‹
verlangt.) Und noch etwas muß im Zusammenhange damit und als weiterer
Beweis für die Behauptung über die bibliophile Produktion unserer
Vereine im allgemeinen gesagt werden: Das ist die erschütternde Fülle
von Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, die diese Vereine oder ihre opferfreudigen
Mitglieder dauernd in beängstigender Zahl über uns ergießen.
Selten, wie weiße Elefanten, sind unter diesen Publikationen Gaben,
die ihr Bütten oder die Bodoni verdienen. Wer mehreren Vereinen angehört,
wer Kongresse besucht, dem füllt sich die Wohnung mit solchen Kinkerklitzchen,
die er sich, wenn sie ihm eingehändigt werden, ganz flüchtig
zwischen Suppe und Käse ansieht, zwischen einem Flirt nach rechts
und einem nach links, und die er dann in die ebenfalls gespendete große
Mappe versenkt, um sie kaum jemals wieder in seinem Leben zu betrachten
(zumal ja, nebenbei bemerkt, noch immer keine gute Aufbewahrungsmethode
gefunden ist für diese Publikationen, deren Format zwischen Folio
und Duodez schwankt). Auch diese sind also ein kleiner, aber recht lebendiger
Beweis dafür, wie schwer auf dem Gebiete der schönen und der
ihr verwandten Literatur noch etwas zu finden ist, das auch inhaltlich
reizt. Denn wenn im Gegensatz zu dieser Behauptung die Auswahl doch noch
größer wäre, so wäre sicher das erstrebenswerte Ziel
eher zu erreichen, wenn durch eine Zusammenfassung der auf die geschilderte
Weise zersplitterten Kräfte, durch eine Vereinigung der aufgewandten
Gelder etwas Großes, Bedeutendes an Stelle der vielen Wertlosigkeiten
geschaffen würde. Und, wie schon angedeutet und oben durch Beispiele
belegt, was viele neuere umfangreichere Veröffentlichungen der großen
Vereine anbetrifft, so machen diese immer mehr den Eindruck von Verlegenheitsprodukten
und sind geeignet, die aufgestellte These zu beweisen, daß eine
Erschöpfung auf dem Gebiete der einer Neuausgabe würdigen Werke
droht oder gar schon eingetreten ist. Aber diese Erschöpfung, diese
Blutarmut hat noch eine andere Ursache. Die Leiter der bibliophilen Vereine,
resp. die in ihnen für die Zielsetzung maßgebenden Persönlichkeiten
sind sämtlich künstlerisch und literarisch orientiert. Das ist
natürlich. Denn das ganze Wesen der Bibliophilie weist diese darauf
hin, in erster Linie in enger Symbiose mit der Kunst und der schönen
Literatur zu leben. Aber auch da gibt es ein Maß in den Dingen.
Als die Vereine ganz jung waren, da stand ihnen eben für ihre Neuausgaben
die ganze schöne Literatur zur Verfügung, vom Gudrun-Lied bis
Gerhart Hauptmann. Aber jetzt sind sie älter geworden und stehen
– nach der relativ kurzen, ihnen durch die Ereignisse aufgezwungenen
Pause einer Stagnation – in voller Blüte. Sie haben sich von
dem Niedergang, den ihnen unsere Zustände brachten, erholt und sind
an Zahl gewachsen... So ist es nicht zu verwundern, daß, da die
klassischen, einer Neuausgabe in schönem Gewände würdigen
Bücher doch nicht wie Sand am Meere sind, schließlich der Vorrat
an guten Vorbildern sich zu erschöpfen beginnt und daß immer
mehr und mehr zu Größen zweiten Ranges gegriffen werden muß,
deren Wiedererweckung bedenklich ist, zu literarischen Erscheinungen,
die bloß einen lokalen oder ephemeren Wert haben. Trotzdem aber
wird immer wieder in derselben Richtung produziert. Aber ein jeder bibliophiler
Verein und ein jeder ihn durch Gaben erfreuende Gönner sollte das
Prinzip nicht für antiquiert halten: Drucke kein Buch, nur weil es
schön ist, drucke nur Bücher, die man auch liest.
Aufgaben des Tages
Sind wir also wirklich in bezug auf Neuausgaben früherer Literatur
an der Grenze angelangt, haben wir den ganzen Vorrat des Erneuerungswürdigen
wirklich erschöpft? Ich bezweifle es. Große Gebiete liegen
nämlich noch unbeackert da, Schätze sind noch zu heben. Man
wolle nur wollen. Man befreie sich von Fesseln, die uns unsichtbar binden.
Ich verweise nur auf das Bereich der Geistes- und der Naturwissenschaften.
Müssen diese den bibliophilen Vereinen wirklich eine Terra incognita
bleiben? Man suche nur, und man wird finden, wie unendlich vieles zu finden
ist. Denn in dieser Beziehung ist so gut wie nichts geschehen, wenn man
etwa von schönen Neuausgaben einzelner philosophischer Schriften
(Kant, Schopenhauer) absieht. Ich bin überzeugt, daß in den
Büchern unserer großen Historiker, wie Ranke und Treitschke,
Kapitel zu finden sind, die auch in einer Einzelausgabe dieser Stellen
an Klassizität nicht verlieren. Sicher ist das der Fall bei Livius,
Plutarch, Herodot (Tacitus besitzen wir ja schon in einer herrlichen bibliophilen
Ausgabe), sicher bei vielen Geographen des Altertums und der Neuzeit.
Vielleicht hätte sogar die Philologie manches durchaus nicht Trockene
zu bieten, das in dem Zauber eines neuen Gewandes neue Freunde sich erobern
würde.
Doch ich will die Gebiete verlassen, in denen ich nicht zu Hause bin,
und will nur auf die mir naheliegenden Naturwissenschaften zurückgreifen.
Für Jahre hinaus könnten die bibliophilen Gesellschaften von
diesen leben und mit Stoff versehen werden. Nicht mit Stoffen, die zu
gelehrt sind, als daß sie selbst dem gebildeten Laien ungenießbar
wären. Nein, mit solchen, die allgemeinverständlicher Natur
sind. Weshalb existiert für die Bibliophilen nicht Alexander von
Humboldt mit seinem zu Unrecht kaum mehr gelesenen ›Kosmos‹?
Ich denke z. B. an sein berühmtes Kapitel über den tropischen
Urwald, das immer noch die beste Beschreibung von packender Größe
ist. Ich denke dann weiter an die klassischen Reden von Helmholtz, an
seine ›Erhaltung der Kraft‹, und vor allem auch an den Zeitgenossen
und Kollegen dieses berühmten Physikers, an Du Bois Reymond, dessen
Werkchen mit dem wunderschönen Titel ›Ignorabimus‹, das
vor fünfzig Jahren Sensation erregte, heute noch mit großem
Genuß zu lesen ist, ebenso die berühmten ›Sieben Welträtsel‹.
Überhaupt welch eine herrliche Sache wäre ein bibliophil ausgestatteter
Band, der jene Reden der großen Naturforscher vereinigen würde,
die – etwa seit Oken – unsere Weltanschauung beeinflußt
haben... Ich denke an den unglücklichen Schwaben Robert Mayer, dessen
kleinem Werke wir die Grundlagen der Physik verdanken. Und wollen wir
uns dem Auslande zukehren, da ist Leonardo da Vinci mit seinen in Spiegelschrift
geschriebenen Folianten, in denen Kapitel sind über Entdeckungen
und Erfindungen, die ihrer Zeit weit vorauseilen, da ist Darwin und unzählige
andere. Das sind nur solche Werke, die mir gerade beim flüchtigen
Niederschreiben dieser Zeilen einfallen, und sicher habe ich höchst
Wichtiges ausgelassen. Greift nur hinein in die volle Schublade der Natur
und der exakten Wissenschaften – die zu zünftige Mathematik
ausgenommen –, und Ihr werdet Vorlagen übergenug finden für
bibliophiles Schaffen und den Beschenkten und den Mitgliedern Wertvolleres
bieten können als einzelne Briefe noch so bedeutender Dichter, als
Gelegenheitsschriften über irgendwelche halbvergessene Stürme
im Wasserglas und Anweisungen Goethes und Schillers für den Diener
und die Waschfrau. Immer wieder habe ich in Wort und Schrift auf diese
zu hebenden Schätze hingewiesen und mich selbst in bescheidener Weise
in dieser Hinsicht betätigt – bisher vergeblich. – Endlich
möchte ich ferner auf eine andere Aufgabe kurz verweisen, auf ein
Gebiet, auf dem noch große Arbeit für das Buch geleistet werden
kann, und das für außerordentlich viele Zweige des Wissens
und der Kunst noch ganz brachliegt, das der Bibliographie. Vorbildlich
ist ja das grandiose ›Anonymen-Lexikon‹, für dessen Herausgabe
man der Gesellschaft der Bibliophilen nicht genug danken kann. Und auf
diesem Gebiet handelt es sich ja – was manche vielleicht noch höher
schätzen – nicht um Neudrucke, sondern um Neuschöpfungen.
"Bibliophile" Zeitschriften und Vorträge
Aber es gibt noch ein anderes Feld, auf dem bibliophile Vereinigungen
tätig sind, und das vielleicht geeignet wäre, die volle Existenzberechtigung
dieser Organisationen zu beweisen: Die Herausgabe nämlich periodisch
erscheinender Zeitschriften, die sich der Bibliophilie widmen. Leider
aber muß gerade in dieser Beziehung ein stark absprechendes Urteil
abgegeben werden. In erster Linie ist es die ›Zeitschrift für
Bücherfreunde‹, an die wohl jeder Leser zuerst denken wird.
Diese 20 Jahre alte Zeitschrift, bei der der Verleger wohl trotz seiner
Opfer keine Seide spinnen wird, entspricht äußerlich allen
Anforderungen, die man an das schöne Buch stellen darf. Innerlich
aber hat sie mit Bibliophilie herzlich wenig zu tun, und sie wird aus
diesem Grunde – meines Erachtens mit Recht – in weitesten
Kreisen wenig freundlich beurteilt. Sie könnte allerdings auf diese
Anklage erwidern, daß ihr Inhalt dem Titel entspricht. Sie ist tatsächlich
eine Zeitschrift für Bücherfreunde, d. h. für Menschen,
die gern Bücher lesen. Sie widmet sich viel mehr der Seele des Buches,
als seinem Kleid und Schicksal. Denn sie ist – zumindesten in ihren
Kritiken, die einen überaus großen Teil jeder Nummer bilden
– eine rein literarische Publikation geworden. Sie rezensiert neu
erscheinende Bücher der schönen und der ihr verwandten Literatur,
gleichviel ob diese bibliophilen Ansprüchen genügen oder nicht.
Und ihre Originalartikel wieder enthalten in überwiegender Zahl Aufsätze
historischer, literarischer und verwandter Richtungen, unter denen sich
viel zu selten interessante bibliophile Arbeiten befinden. Niemals aber
findet man, was man erwarten dürfte, Notizen über das reiche
Leben der vielen ändern bibliophilen Vereine, also über deren
Publikationen usw. Es steht allerdings zu hoffen, daß infolge der
letzten Wiener September-Beschlüsse des Vereins in dieser Beziehung
eine Wandlung eintreten wird. Ausdrücklich und nachdrücklich
muß ich mich an dieser Stelle dagegen wehren, einen Tadel gegen
den Redakteur der Zeitschrift ausgesprochen zu haben. Jeder Bibliophile
in Deutschland weiß, wie außerordentlich viel seine Liebhaberei
diesem Manne verdankt, der in so uneigennütziger Weise seit Jahrzehnten
seine Kraft und seine sicher sehr kostbare Zeit der Bücherliebe opferte.
Aber wie so häufig im Leben: die Verhältnisse sind stärker
als der einzelne. Nicht der Redakteur ist daran schuld, daß die
Zeitschrift ein Organ für Bücherleser wurde und nicht eines
für Büchersammler ist. Es ist nämlich ausgeschlossen, eine
so häufig erscheinende Publikation, von der jedes Heft etwa drei
Bogen umfaßt, mit bibliophilen Dingen zu füllen. Die Bibliophilie
ist keine Kuh, die reichlich Milch gibt. Wenn man bedenkt, wie schwer
es schon für jeden Verein ist, der seine Mitglieder regelmäßig
versammelt, Männer zu finden, welche Vorträge halten (jenes
Vorstandsmitglied, das sich dieser undankbaren und mühevollen Sucharbeit
unterzieht, ist m. E. immer das verdienstvollste eines jeden Vorstandes),
so wird man einen Begriff haben, um wieviel schwerer es noch sein muß,
Autoren zu finden, die Aufsätze liefern. Ganz besonders, da die Bibliophilie
an zwei Übelständen leidet: denn nicht nur läuft sie eben
Gefahr, sich zu erschöpfen, d. h. die vorhandene Menge des Interessierenden
und Wichtigen ist nicht unendlich wie in einer Wissenschaft – es
ist begrenzt – , sondern sie läuft auch Gefahr, wie kaum ein
andres System der Geistigkeit, in Grenzgebiete zu verfließen, die
schließlich mit dem Buch nur noch auf das loseste verknüpft
sind. Ich habe schon ›bibliophile‹ Vorträge gehört
– oft interessant in ihrer Art –, die rein geschichtlicher,
biographischer, spezialwissenschaftlicher Art waren, und hätte der
Vortragende nicht ›akzessorisch‹ und quasi so zu seiner Entschuldigung
ein paar Bücher herumgereicht, an die er angeknüpft hatte, so
hätten die betreffenden Reden besser für Vereine gepaßt,
die sich historischen usw. Studien widmen. Diese Klippe, die also, nicht
in Grenzgebiete auszustrahlen, ist außerordentlich schwer zu umschiffen.
Aber ihre Vermeidung ist um so wichtiger, als die Bibliophilie ja eigentlich
nur ein schwaches Band ist, das durch einen nicht starken Knoten die heterogensten
Interessen verknüpfen soll. Sie ist ein Efeu, der sich um Stämme
sehr verschiedener Baum-Arten windet. Legt z. B. ein Astronom eine Sammlung
seltener Werke über sein Spezialgebiet vor, und weiß er Schönes
über diese Bücher zu sagen, so wird er allgemeines Interesse
in jeder bibliophilen Versammlung oder, wenn es sich um einen Artikel
handelt, bei jedem bibliophil eingestellten Leser finden, auch wenn der
Hörer oder Leser sich etwa sonst ausschließlich mit literarischen
Dingen beschäftigt. Aber wehe, wenn er der sehr starken Lockung nicht
widerstehen kann, auf der Basis der vorgelegten Bücher einen langen
Exkurs in sein Spezialgebiet zu unternehmen; und diese Gefahr ist nicht
nur drohend, weil ein solches Überschreiten der Grenze durchaus menschlich
ist, sondern weil es in allen Gebieten nicht leicht ist, soviel vorzulegen,
zu beschreiben, zu erzählen, daß man genügend lang und
interessant nur über das Buch selbst sprechen, beziehentlich schreiben
kann. Es ist außerordentlich schwer, vieles, das interessieren könnte,
zu sagen über Inkunabeln, alte Drucke, die Verschiedenheit der Ausgaben
geschätzter Bücher, über bibliophil eingestellte Publikationen
zeitgenössischer Pressen, über schöne Typen und Illustrationen,
ohne daß man aus der Szylla der Langweiligkeit und Wiederholung
in die Charybdis des Impertinenten verfällt, also ganz unmerklich
Historie oder Biographie treibt, auf den Inhalt eingeht, typographisch
fachsimpelt...
So also muß zusammenfassend gesagt werden, daß unser Vereinswesen
eine lebenswichtige Aufgabe in der Herausgabe bibliophiler Zeitschriften
nicht mehr finden kann in einer Zeit wie der unsrigen, in der das ohnedies
so wenig ergiebige Reservoir schon so stark ausgeschöpft ist. Gewiß
wäre eine Besserung in der eben erwähnten Beziehung zu erzielen,
wenn man sich entschlösse, Zeitschriften in langen Abständen
und ohne Bindung, was Erscheinungsfrist und Umfang anbelangt, herauszugeben;
eben bis jeweilig genügendes, rein bibliophiles Material vorläge,
das die Herausgabe einer neuen Nummer rechtfertigen würde.
Bibliophilie – ein Generationsproblem?
Und noch einer bedenklichen Seite in unseren Organisationen möchte
ich Erwähnung tun: der Überalterung der Vereinsvorstände.
In der Leitung der Vereine stehen an entscheidender Stelle seit Jahrzehnten
die gleichen Männer, soweit nicht Tod oder freiwilliger Rücktritt
eine Veränderung bewirkt hat. Und sie sind so ziemlich alle recht
alt geworden. (Auch der Schreiber dieses gehört dazu.) Soll das sein,
ist das unbedingt richtig? Oder gebührt es sich, oder wäre es
nicht mindestens zweckmäßig, neuen Männern, der Jugend
die Türe zu öffnen? Ich möchte betonen, daß ich nichts
weniger als ein begeisterter Hymnensänger auf die Jugend der heutigen
Zeit bin, die groß geworden ist in den Jahren, die ihr zeitlich
oder dauernd den natürlichen Führer raubten, und in den noch
schlimmeren zuchtlosen Jahren, die dem Kriege folgten; und andererseits
gibt es niemanden, der die Leistungen unserer alten Führer auf dem
Gebiete der Bibliophilie höher bewertet und Kontinuität und
Erfahrung mehr schätzt als ich. Aber immerhin: sattsam bekannt ist
es einerseits, daß wir in einer Zeit leben, in der – hoffentlich
vorübergehend – durch die übermäßige Bewunderung
von Sport, Kino usw. die Bedeutung der Jungen und ihr Einfluß ins
Maßlose gesteigert ist (im Altertum strömten schließlich
auch die griechischen Völker zu den olympischen Spielen und erwiesen
fast göttliche Ehrungen den jungen Siegern, aber unangetastet blieb
die Herrschaft der Geronten) –, und andererseits ist uns ein schematisierendes
Gesetz beschert, daß das Beste, was Deutschland hat, den Wissenschaftler,
zwingt, zurückzutreten in einem Alter, das ihm noch nichts von Kraft
und Genie geraubt zu haben braucht, nur eben weil er angeblich zu alt
wäre. Einzig und allein die Vorstände der bibliophilen Gesellschaften
sollten sich um die pochende Jugend und um die Abstempelung als Greise
nicht zu kümmern brauchen? Dies ist auch insofern bedenklich, weil
jeder alte Geschäftsinhaber beizeiten zu sorgen pflegt, daß
jemand da ist, der eingearbeitet ist, wenn er abgehen muß. Und man
könnte weiter auch von einem Recht verdienter Mitglieder sprechen,
einmal auch auf die Leitung einen Einfluß nehmen zu dürfen.
Aber ob Jugend oder Alter, schon das Prinzip, daß von Zeit zu Zeit
ein Wechsel eintritt, scheint mir berücksichtigenswert. Der neue
Mann wird es nun wahrscheinlich nicht besser machen können als die
bisherigen, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß er es anders macht.
Denn niemand kann aus seiner Haut heraus. In jedem von uns ist Vorliebe
und Antipathie – ich möchte sagen – physiologisch verankert.
Und hauptsächlich in bezug auf die für bibliophile Vereine bisher
wichtigste Angelegenheit, in der Auswahl der Drucke ist dieses aus seiner
Hautherausgehen besonders schwierig, und nur im – wenngleich uns
unbewußtem – Kampfe mit uns selbst sind uns Konzessionen an
Fremdes möglich. Wenn ein bibliophiler Vorsitzender im Hauptberuf
Historiker ist, so wird dieser so einflußreiche Mann zwangsläufiger,
als er glaubt, zur Neuausgabe der ihm naheliegenden Literatur getrieben.
Interessiert er sich für den Alten Fritzen, so wird er wenig geneigt
sein, einen Brief von Cortez neu herauszugeben, und ist er Philologe,
so wird die nicht zu unterschätzende Gefahr vorliegen, daß
die Publikationen der Gesellschaft allzusehr nach Gelehrtenstaub riechen.
Ist er Professor des Sanskrit, so wird er, ob er es will oder nicht, eher
geneigt sein, eine schöne Neuausgabe der Veden nach der ändern
bei seinem Verein durchzudrücken; und die wichtige Vielseitigkeit
ist viel mehr gewährleistet, wenn nach einiger Zeit wieder ein anderer
– sagen wir ein Leiter eines zoologischen Museums – seine
Stelle einnehmen würde. Deshalb gibt es viele Vereine von Bedeutung,
auch wenn bei ihnen nicht so viel Divergierendes vorhanden ist wie bei
uns, die sich das Statut gegeben haben, daß niemand länger
als 3-5 Jahre ein Vorstandsamt bekleiden und nicht immer denselben Mitgliedern
die Ehre und Bürde der zu vergebenden Ämter anvertraut werden
dürfe; es gibt ja Möglichkeiten durchzusetzen, daß die
Erfahrungen und Fähigkeiten früherer Mitglieder des Vorstandes
diesem erhalten bleiben (als Beisitzer u. ä.). Und nach Ablauf einer
Frist können sie ja wieder gewählt werden...
Von der Erneuerung der Vorstände
Allerdings wäre dann noch eine Veränderung notwendig, die ich
im übrigen selbst dann für wichtig halte, wenn meine eben geäußerte
Ansicht nicht stichhaltig wäre. Das ist die in bezug auf den Modus,
der bisher bei den Wahlakten wohl aller bibliophilen Vereine Platz greift.
In dem feierlichen Moment, in dem der Vorstand neu gewählt werden
soll, tritt ein Prominenter auf und fordert unter Dankesworten an den
scheidenden Vorstand und dem Beifall der versammelten Mitglieder auf,
den alten Vorstand durch Akklamation wiederzuwählen. Ein solcher
Vorgang ist natürlich nicht eine Spezialität der bibliophilen
Vereine. Es geht überall so zu. (Nur vielleicht nicht bei den Generalversammlungen
von Aktiengesellschaften, bei denen es sich um das zu handeln pflegt,
was den meisten Menschen das wichtigste ist, um das Portemonnaie.) Wer
würde dann wagen, zu widersprechen, selbst wenn er noch so sehr anderer
Meinung wäre? Würde er noch so ehrlich und aus ganzem Herzen
versichern, daß er voller Dankbarkeit ist für das von dem scheidenden
Vorstand Geleistete, und würde er noch so sehr beteuern, daß
sein Beweggrund kein anderer ist als »laßt mal andere, neue
Männer heran« –, immer würde ein Tadel für
den alten Vorstand aus seinen Worten herausgehört werden, und der
Kühne würde Gefahr laufen, als Störenfried zu gelten. So
ist also jede Neuwahl de facto dem Willen der Mitglieder entzogen und
ist – man entschuldige das harte Wort – eine Farce. Aber ein
jedes Vorstandsmitglied selbst müßte doch eigentlich bestrebt
sein, ein unbeeinflußtes Vertrauensvotum zu erhalten, zu erfahren,
ob und vor allem in welchem Maße es das Vertrauen der Mitglieder
besitzt, und darauf drängen, daß eine Neuwahl nur durch geheime,
durch Zettel-Abstimmung zu erfolgen hätte. Eine Stunde Zeitverlust
im Laufe eines Jahres darf nicht entscheidend sein. Und wenn ganz im Sinne
des Gesagten vorgegangen werden soll, so würde es sich empfehlen,
alle Überraschungen zu vermeiden und geraume Zeit vor der Wahl Mitteilungen
an die Mitglieder ergehen zu lassen, in denen sie zu Wahlvorschlägen
aufgefordert werden. Auch dieses geschieht in manchen Vereinen.
Vom Snobismus und von den Festessen
Eine der bedrohlichen Klippen, durch welche das Schiff der Bibliophilie
gesteuert werden muß, ist die Gefahr des Snobismus. Diesem zugrunde
liegt die Veranlagung, das Buch nicht aus dem Grunde zu lieben - also
nicht aus dem Grunde bibliophil zu sein – , weil Inhalt und in erster
Linie das Äußere des Buches anzieht, sondern nur oder in der
Hauptsache aus dem Grunde, weil man ein kostbares Buch besitzen darf und
vor allem nun, weil es andere nicht besitzen oder nur sehr wenige es haben.
Tritt zu dieser Art der Bücherfreundschaft dann eine – jede
andere Einstellung verdrängende – Anschauung, daß es
für vornehm gilt, solche Kostbarkeiten zu sammeln, und vor allem
diejenige, daß es für vornehm gilt, einem angesehenen bibliophilen
Vereine anzugehören, dessen Mitglied zu werden nicht leicht ist,
dann ist der Bücher-Snob fertig. (Diese Denkart ist natürlich
grundverschieden von der noch tieferstehenden reinen Protzenhaftigkeit
eines Raffke, der, die dicke Importe im Munde und bequem im Klubsessel
gelagert und versunken in den Anblick seiner großen Bibliothek,
sich sagt: Gott, was bin ich für ein gebildeter Mensch!) Der Zweck
einer bibliophilen Gesellschaft darf aber nicht darin bestehen, in äußerem
Sinne vornehm zu sein, und nicht in dem Streben, betitelte oder sonst
prominente Persönlichkeiten zu seinen Mitgliedern zu haben. Und er
sollte zum Teil gerade darin bestehen, Abwehr zu üben gegen alle
plutokratischen Einflüsse und gegen Elemente, die aus obengenannten,
dem Ziele fremden Gründen ihm angehören. [...] Wenn man nun
betreffs des eben Gesagten anderer Meinung sein mag, so kann ich mir,
offen gestanden, nicht vorstellen, daß in dem jetzt zu behandelnden
verwandten Punkte nicht ein Consensus omnium existieren sollte. Ich wenigstens
kann mich nicht erinnern, eine andere Meinung als eine zustimmende diesbezüglich
gehört zu haben. Es handelt sich um solche Anforderungen bibliophiler
Gesellschaften an die Kasse ihrer Mitglieder, die nicht das Wesen der
Bücherliebe betreffen und nicht dem eigentlichen Ziele der Vereine
dienen. Ich meine die Kosten der von letzteren arrangierten Zusammenkünfte,
in erster Linie die Ausgaben für das jährliche Festmahl, dessen
Abhaltung wohl jeder große oder kleine Verein zu seinen löblichen
Gewohnheiten zählt. Auch in dieser Beziehung wird unvermerkt oft
dem Snobismus die Tür geöffnet. Das Ziel, das ein bibliophiler
Verein sich meines Erachtens setzen müßte, ist, an einem Tage
im Jahre möglichst alle Mitglieder zu vereinigen. Es braucht nicht
ausgeführt zu werden, aus welchen Gründen dieses Ziel erstrebenswert
wäre, und andererseits auch nicht, warum es restlos selbst dann nicht
erreicht werden kann, wenn die Zusammenkunft an dem Sitze der Vereine
stattfindet. Uns soll aber hier nur das pekuniäre Hindernis interessieren,
das sich der Durchführung entgegenstellt. Handelt es sich um einen
der großen über Deutschland verbreiteten Vereine, so sind natürlich
Reisespesen für die nicht am Orte der Versammlung lebenden Mitglieder
unvermeidlich und werden eine große Zahl von solchen zurückhalten,
die sonst gekommen wären. Nicht allzu fern vom Zentrum des Reiches
gelegene Orte sind also zu wählen, und auch das im folgenden zu Sagende
wäre wohl zu berücksichtigen. Anders aber liegen die Verhältnisse
bei einem Lokalverein. Dessen durchführbare Pflicht ist es, den Mitgliedern
bei dieser Gelegenheit übermäßige Ausgaben zu ersparen.
Aber gerade in dieser Beziehung wird viel gesündigt. Festmahle in
dem vornehmsten Restaurant der Stadt sind nicht bibliophil, sondern bibliophob.
Denn sie können gerade das Gegenteil von dem bewirken, was der Verein
anzustreben hat – nämlich den nicht mit Autos und Villen behafteten
Mitgliedern Gelder zu entziehen, die sie vielleicht sonst dem Buche und
seinem Kult gewidmet hätten. Und sie erzeugen Verbitterung. Denn
jedes Mitglied möchte natürlich – womöglich mit Frau
oder gar Familie – an einer solchen Veranstaltung teilnehmen, wenn
aus keinem ändern Grunde, so schon aus dem, sich die Gaben zu sichern,
die doch gewöhnlich nur an die Anwesenden verteilt werden. Und derjenige,
dem die Kosten eines solchen Festmahles zu hoch sind, fühlt sich
zurückgesetzt, als Mitglied zweiten Ranges, und sagt sich, daß
er doch schließlich mindestens ein moralisches Anrecht auf die Festgeschenke
hätte, da ja die Anwesenheit bei der Feier nur die minder wichtige
der beiden Bedingungen ist, die das Bezugsrecht auf die Gaben sichert.
Und – nebenbei bemerkt – die Gefahr, gegen die schon ebenso
häufig wie erfolglos vorgegangen wurde, die des Verkaufes solcher
Bücher an das Antiquariat, wird dadurch nur größer, daß
Mitglieder der Lockung ausgesetzt werden, verhältnismäßig
hohe Kosten des Festmahls durch Veräußerung weniger erwünschter
Gaben in etwa wieder hereinbringen zu können. So kann ich die ketzerische
Ansicht nicht unterdrücken und nicht ungedruckt lassen, daß
die Kosten solcher Feste von der Kasse des Vereins getragen werden müßten
oder, da dies doch wohl kaum durchführbar ist, wenigstens zum erheblichen
Teil von ihr übernommen werden sollten. Eine solche Vereinsausgabe
nützte der Bibliophilie mehr als die meisten der bei diesen Gelegenheiten
verteilten Vereinsausgaben. Gewiß können solche kostspieligen
Feste das sein, was man am nächsten Tage in der Zeitung als gesellschaftliches
Ereignis gepriesen findet, und sie könnten so werbend wirken. Aber
ersteres Ziel ist nicht das der Bibliophilie – oder wenn es erreicht
werden soll, dann auf einem anderen Wege, – und letzteres –
was soll es bei einem Verein, der einen Numerus clausus hat? Nein –
der goldene Mittelweg. Nicht Grüner Baum am Schlesischen Bahnhof,
aber auch nicht Adlon.
Exkurs über die Buchillustration
Zum Schluß noch eine Bemerkung allgemeiner Natur, die in loserem
Zusammenhang mit meinen Ausführungen über die Vereinstätigkeit
steht. Das äußerlich schöne Buch, dem die Bibliophilie
alle Kräfte leihen will, kann eine Vereinigung der Produktion eines
Druckers, eines Papierfabrikanten, eines Buchbinders und eines Illustrators
sein. Und es ist begreiflicherweise sehr verlockend, alle vier zu einem
Kunstwerke heranzuziehen. Aber ich glaube, daß bezüglich des
Illustrators Bedenken bestehen. Wenigstens soweit es sich um Werke der
schönen Literatur handelt, die ja, wie stets zu betonen, immer noch
in unserem Falle die überwiegende Zahl bilden. Als ich noch ein junger
Mann war, da war es selbstverständlich, daß jeder Klassiker,
der mir geschenkt wurde, illustriert war. In scheußlicher Weise
nach heutigen Begriffen. Und welchen Taumel von Begeisterung erregten
noch, und wohlgemerkt bei Leuten von Geschmack, die Tkumannschen Bilder
zu Chamissos ›Frauen-Liebe und -Leben‹. Und ich denke auch
an die schönen Tafelwerke von Dore und an andere illustrierte Foliowerke,
die wir auf dem Tische unserer Eltern nur mit säuberst gewaschenen
Händen anfassen durften. Aber die Psyche des Lesers und damit der
Geschmack an Büchern hat sich seit einigen Jahrzehnten in einer ganz
bemerkenswerten Weise verändert. (Weiter zurückgreifen will
ich hier nicht und etwa an die Sentimentalität der Romantikerzeit
erinnern oder an den für unsere Auffassung ganz unbegreiflichen Einfluß
von ›Werthers Leiden‹ auf die Anschauungen und sogar auf die
Handlungen der Zeitgenossen.) Wir Heutigen wollen aber in den Werken der
schönen Literatur keine grelle Deutlichkeit mehr, keine allzu große
Ausführlichkeit. Der Schriftsteller darf nicht allzu klar erkennen
lassen, daß er uns leitet und gängelt, daß er uns seine
Gedanken und Gefühle suggerieren will. Wir wollen leisere Töne,
blassere Farben. Wir wollen, daß er unsere Psyche nur anregt und
weiteres Denken und Fühlen uns überläßt. Dem wirkt
nun das starre Bild im Buche der schönen Literatur in starker Weise
entgegen. Es hemmt die Entfaltung der eigenen Phantasie des Lesers; und
auf deren Betätigung beruht, tiefer gesehen, die Freude am Roman,
an der Lyrik, an dem gelesenen Theaterstück. Ich will nicht wissen,
wie sich der Illustrator Minna von Barnhelm oder Hagen von Tronje oder
Odysseus vorstellt. (Und so glaube ich auch nicht, daß das niedrige
künstlerische Niveau etwa jener Zeichnungen zu Schillers Werken allein
dafür ausschlaggebend war, daß sie schon seit längerer
Zeit abgelehnt werden, sondern daß diese Ablehnung auch schon der
Anfang der Bewegung war, in der wir m. E. stehen). Hierzu kommt noch,
daß die Illustration wohl regelmäßig eine einzelne Szene,
natürlich in ihrer Unbeweglichkeit, darstellt; und ebensowenig wie
man sich heute ein Genrebild ins Zimmer hängt – es wäre
denn, der große Name des Malers veranlasse uns dazu –, ebenso
lehnt sich, wenn wir uns prüfen, unser Sinn für ›Sachlichkeit‹
gegen eine ähnliche Buchillustrierung auf. Gewiß gibt es Ausnahmen,
bei denen jene Kongenialität von Text und Bild, die in Verlegerprospekten
eine Rolle spielt, wirklich vorhanden ist. Z. B. kann dies bei humoristischen
Werken der Fall sein. Wer freut sich nicht, wenn er die Witwe Bolte oder
den schlittschuhlaufenden Pickwick abgebildet sieht? Aber da sind andere
Gründe vorhanden. Andererseits sind z. B. Menzel und Kugler oder,
richtiger gesagt, der Alte Fritz und Menzel in unserer Anschauung so verschmolzen
und der große König ist für unsere Erinnerung so menzelisch,
daß wir die bildlichen Darstellungen dieses Malers schon in uns
aufgenommen haben und jede Kritik schweigen muß. Aber sonst bleibt
immer eine bedenkliche Diskrepanz, eine stille Feindschaft zwischen Text
und Bild. Wenn letzteres von einem genialen Zeichner stammt, können
wir es nur als besonderes, aber vom Text ablenkendes Kunstwerk schätzen,
nicht aber im Zusammenhange mit dem Text. Und so ist es in bibliophilem
Sinne ein Störenfried. Dazu kommt der wenig einheitliche Geschmack
in bezug auf die Wertung von Illustrationen moderner Künstler. Ich
erinnere z. B. nur an Masereel. Natürlich spreche ich in diesem Zusammenhange
nicht von Vignetten oder Zierleisten, sondern nur von Darstellungen von
Menschen in Büchern und nur in solchen der schönen Literatur.
Ich bin überzeugt, daß dieser Weg, den ja – siehe die
illustrierten Klassiker – die Buchherstellung schon betreten hat,
noch weiter zur Verdrängung des Bildes aus dem Buche, soweit dieses
der Phantasie dienen soll, führen wird, und daß es als eine
nicht wünschenswerte Beigabe für Werke rein erzählender,
lyrischer, dramatischer Art abgelehnt werden wird. Und so glaube ich,
daß es sich die bibliophilen Organisationen überlegen müssen,
Bestrebungen zu unterstützen, die keine Zukunft haben.
Soll ich nach alledem, was ich bezüglich der bibliophilen Vereine
und der Krankheiten, die sie bedrohen – die der Erschöpfung,
Blutarmut, Verkalkung –, gesagt habe, mit dem katonischen Worte
schließen, daß sie »esse delendas«? Nichts liegt
mir, dessen Neigung zum Buche an Innigkeit nicht übertroffen werden
kann, ferner. Und ich würde bedauern, wenn jemand aus dem Gesagten
schließen würde, daß ich dieses geistigen Selbstmordes
fähig wäre. Ich halte heute den bibliophilen Verein für
notwendiger als je; und nur darin besteht meine etwaige Meinungsverschiedenheit
mit dir, lieber Leser, daß ich diesem statt des Bücherdruckens
eine andere Hauptaufgabe zuweisen möchte. Das ist die gesellschaftliche,
das Wirken nicht durch das gedruckte, sondern durch das gesprochene Wort,
das Wirken von Mensch zu Mensch.

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